Roland Littlewood und Chavannes Douyon
In Haiti ist der Glaube weit verbreitet, dass Schwarzmagier (Bokors) Menschen entführen und in Zombies verwandeln können, und es gibt schätzungsweise bis zu eintausend Fälle jährlich, bei denen Personen von ihrer Umgebung als zurückgekehrte Zombies anerkannt werden. Anhand dreier Fallstudien untersuchen die Autoren, ob Zombies ein bestimmtes klinisches Krankheitsbild ausbilden und ob sie tatsächlich die verstorbenen Angehörigen sind, als die ihre Verwandten sie wiedererkennen.
Was sind Zombies?
Das Phänomen der Zombies rückte
erstmals während der US-amerikanischen Besatzung Haitis zwischen 1915
und 1934 ins Blickfeld der westlichen Öffentlichkeit (Hurston 1938),
und in den Neunzigerjahren hat der Einsatz der UN-Eingreiftruppe erneut
Aufmerksamkeit auf diese Erscheinungen gelenkt.
ist Professor für
Anthropologie und Psychiatrie am University College, London. Er
beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Sozialanthropologie, Psychiatrie,
Psychologie und Geschichte. Neben zahlreichen Fachartikeln hat er
mehrere Bücher verfasst, so Aliens and Alienists: Ethnic Minorities
and Psychiatry (3. Auflage: Routledge, London, 1997) und Pathology
and Identity: The Work of Mother Earth in Trinidad (Cambridge University
Press, Cambridge 1993). Anschrift: University
College London, Gower Street, London WC1E 6BT, Großbritannien
Prof. Chavannes Douyon
(MD) praktiziert an der
Polyclinique Medica in Port-au-Prince, Haiti, und steht dem haitianischen
Landesverband der von Reverend San Myung Mun gegründeten Professors
World Peace Academy (PWPA) vor. Anschrift: Polyclinique
Medica, Ruelle Alix Roy 94, Port-au-Prince, Haiti
In unseren Medien werden Zombies als exotisches Kuriosum, als Phantasieprodukte
behandelt, aber vielen Haitianern gilt ihre Existenz als belegbare Tatsache.
Aus schwer nachvollziehbaren Gründen haben US-amerikanische Ärzte
Zombie-Fälle und andere Elemente der Voodoo-Religion für die
gegenwärtige AIDS-Epidemie in Haiti verantwortlich gemacht (Farmer
1992). Die praktischen Ärzte Haitis werten Zombies als Vergiftungsfälle,
die Geistlichkeit sieht sie als Opfer schwarzer Magie. Die Anerkennung
eines Menschen als Zombie ist in der Bevölkerung weit verbreitet, und
die jährliche Zahl der neuen Fälle wird auf bis zu eintausend
geschätzt (Mars, persönliche Mitteilung).
Die Verwandlung eines Menschen in einen Zombie gilt nach dem haitianischen Strafrecht als Mord (Paragraph 246), obwohl die betroffene Person am Leben bleibt. Vor Ort wird das Phänomen wie folgt gedeutet: Ein junger Mensch erkrankt plötzlich und unerklärlich; dahinter steckt Vergiftung oder Zauberei; das Opfer wird von seiner Familie für tot gehalten und in einer Gruft bestattet; im Laufe der nächsten Tage entwendet ein Bokor (Schwarzmagier) den Körper und führt an einem geheimen Ort eine Wiederbelebung durch, ohne dass das Opfer jedoch voll zu Bewusstsein kommt (Métraux 1958, Mars 1945). In Haiti gibt es kaum Erdbestattungen; man legt die Toten vielmehr in oberirdische Familiengruften aus bunt bemaltem Beton, die in den ländlichen Gegenden neben den Wohnhäusern auf den Familiengrundstücken stehen und nicht sehr einbruchsicher sind.
Das haitianische Konzept von Körper, Geist und Seele unterscheidet zwischen der vegetativen Lebensenergie Gros-bon-ange („großer guter Engel“), die den materiellen Körper oder Corps cadavre beseelt und erhält, und dem Tätigkeitsprinzip Ti-bon-ange („kleiner guter Engel“), das dem Menschen Bewusstsein und Gedächtnis gibt (Métraux 1958, Mars 1945, Davis 1988). Um einen Zombie zu erzeugen, sperrt der Schwarzmagier dieses Tätigkeitsprinzip für gewöhnlich in eine verkorkte Flasche oder einen Steinguttopf, wodurch es zum Zombie astrale wird. Der Bokor extrahiert es entweder aus dem Körper eines durch Hexerei in den Scheintod versetzten Opfers, oder er fängt es ein, sobald es aus dem Körper eines Menschen entweicht, der eines natürlichen Todes gestorben ist (Hurston 1938, Métraux 1958, Mars 1945). Der zurückbleibende, lebende, aber willenlose Körper wird als Zombie cadavre bezeichnet. Er ist ein Sklave des Bokor und wird entweder von ihm selbst oder von einem anderen Bokor, an den er ihn verkauft, insgeheim als Feldarbeiter ausgebeutet. Die Versklavung kann nur durch Ketten und Züchtigung, durch weitere Giftgaben oder regelmäßige Behexung aufrechterhalten werden. Von diesem Zombie cadavre, oft kurz „Zombie“ genannt, ist jenes Zerrbild abgeleitet, das wir aus westlichen Spielfilmen kennen. Im haitianischen Volksmund wird „Zombie“ auch als Metapher für extreme Lethargie und Beeinflussbarkeit verwendet.
Wie erklärt man sich nun die
Fälle, in denen ein Zombie cadavre zu seiner alten Familie zurückfindet?
Entweder zerbricht die Flasche mit dem Zombie astrale, oder der Bokor
gibt seinem Zombie versehentlich Salz zu essen, oder die Angehörigen
eines verstorbenen Magiers lassen dessen Sklaven laufen. In seltenen Fällen
kann der Zombie auch durch göttliche Intervention befreit werden.
Sein Körper- und Geisteszustand bleibt nach dem Entkommen unverändert,
sodass er leicht wieder eingefangen und erneut versklavt werden kann. Nur
wenige Bokors und Ärzte behaupten, einem Zombie cadavre seinen ursprünglichen
Gesundheitszustand und seine Antriebskraft zurückverleihen zu können.
Dies geschieht durch einen Gnadenakt des Le Grande Maitre, des kaum zugänglichen
obersten Gottes der Voodoo-Religion, der nur während der lateinischen
Liturgie vor Beginn der eigentlichen Voodoo-Rituale einmal kurz angerufen
wird. Man erkennt einen Zombie an seinem starren Blick, an seinem näselnden
Tonfall (der auch für alle Manifestationen der Seelen Verstorbener
typisch sein soll), an stereotypen, sinnentleerten und unbeholfenen Bewegungsabläufen
sowie an seiner beschränkten und wiederholungsreichen Redeweise. Er
wird nicht gefürchtet, sondern bedauert; Angst hat man nur davor,
vom selben Schicksal ereilt zu werden. Aus Sorge, ein verstorbener Verwandter
könnte zum Zombie werden, werden die Toten oft enthauptet, oder man
legt Gifte und Amulette in den Sarg.
Anthropologische Untersuchungen des
Zombie-Wesens beschränken sich meist auf die genaue Wiedergabe des
örtlichen Erklärungssystems (Métraux 1958) oder versuchen,
anhand dessen die schwarze Magie als psychosoziales oder ethnobiologisches
Phänomen zu analysieren (Hurston 1938, Farmer 1992, Métraux
1958, Mars 1945, Davis 1988). Mediziner haben die Möglichkeit diskutiert,
dass der Zombie-Zustand wirklich existiert und so etwas wie eine Katalepsie
oder motorische Paralyse ist – hervorgerufen durch Neurotoxine, die zur
Wiederbelebung der aus ihren Särgen geborgenen Scheintoten eingesetzt
werden könnten (Davis 1988, N. N. 1984). Als Gift zur „Tötung“
kommt zum Beispiel Tetrodotoxin in Betracht, das aus den Kugelfischen Sphaeroides
testudieneus und Diodon hystrix gewonnen wird; die Wiederbelebung und Bändigung
des Zombies könnte mit Extrakten aus dem Gemeinen Stechapfel (Datura
stramonium) erfolgen (Davis 1988, N. N. 1984). Die biomedizinische Wirkung
von Tetrodotoxin ist in Japan untersucht worden, wo Kugelfisch als gefährliche
Delikatesse gilt, deren Genuss zum Scheintod führen kann (N. N. 1984,
Torda et al. 1973). Nach Aussage haitianischer Bokors können Zombie-Mittel
außerdem menschliche Leichenteile, Polychaeten (eine Klasse von Ringelwürmern),
Kröten, Eidechsen und Taranteln enthalten (Davis 1988). Mit den diskutierten
Giftstoffen wurden jedoch keine in-vivo-Experimente durchgeführt,
und die praktischen Ärzte Haitis sind zwar mit der Zombie-Symptomatik
vertraut (Douyon 1980), haben aber nie ein klinisches Krankheitsbild veröffentlicht.
Im einzigen gut dokumentierten Fall eines zurückgekehrten Zombies
(Davis 1988, Douyon 1980) wurden vor allem seine Symptome zur Zeit seines
vermeintlichen Todes untersucht; bei der Befragung nach seiner Rückkehr
wurde seinem geistigen und körperlichen Zustand wenig Aufmerksamkeit
geschenkt. Ein – medizinisch nicht geschulter – Zeuge dieses Interviews hat
in seinem Bericht keine medizinischen Besonderheiten erwähnt (Thomson
1992). In einem weiteren gut belegten Fall kam man zu dem Schluss, dass der
ins Krankenhaus eingelieferte Patient fälschlich für eine andere
Person gehalten worden war (Hurston 1938, Mars 1945). Die einheimischen
Ärzte sind der Ansicht, man könne Zombie-Fälle nur am Fehlen
aller typischen Merkmale von Geisteskrankheiten bei gleichzeitiger verbaler
und motorischer Verkümmerung diagnostizieren. Bilden Zombies ein bestimmtes
klinisches Krankheitsbild aus? Und sind sie tatsächlich die verstorbenen
Angehörigen, als die ihre Verwandten sie wiedererkennen?
Methoden
Wir haben drei Zombies, deren Fälle 1996 und 1997 im Süden Haitis gemeldet worden waren, zu Hause untersucht und uns ihre Geschichten von Angehörigen auf Kreol erzählen lassen. Da sich ein Computertomograph aus dominikanischem Privatbesitz vorübergehend in Port-au-Prince befand, ergab sich die Gelegenheit, dort von zwei der drei Patienten Computertomogramme zu erstellen. Um Fehlidentifikationen durch die Hinterbliebenen auszuschließen, wurden in zwei Fällen DNA-Proben analysiert. Von einheimischen Bokors, die Erfahrung mit der Erschaffung von Zombies haben, wurden Kommentare zu den Fällen eingeholt.
Krankengeschichten
F. I. war ungefähr 30 Jahre alt, als sie nach einer kurzen Fiebererkrankung starb; noch am selben Tag bestattete ihre Familie sie in der Familiengruft neben dem Haus. Drei Jahre später wurde sie von einem Freund wiedererkannt, als sie in der Nähe des Dorfes herumirrte. Ihre Mutter bestätigte ihre Identität anhand eines Males im Gesicht, ebenso ihre siebenjährige Tochter, ihre Geschwister, weitere Dorfbewohner, ihr Ehemann und der örtliche Priester. Sie sprach nicht und konnte sich nicht eigenständig ernähren. Ihre Eltern beschuldigten den Ehemann, sie aus Eifersucht in einen Zombie verwandelt zu haben, denn sie hatte eine Affäre gehabt. Als man auf gerichtliche Anordnung hin ihr Grab öffnete, fand man dieses mit Steinen angefüllt. Ihre Eltern zögerten, sie zu Hause aufzunehmen, und so wurde sie in die psychiatrische Anstalt in Port-au-Price eingewiesen.
Bei der Untersuchung wirkte sie viel
jünger und dünner als auf den alten Familienfotos. Sie hielt
den Kopf gesenkt und hatte einen extrem langsamen und steifen Gang, bei
dem sie die Arme kaum bewegte.
Ihr Muskeltonus war reduziert, aber sie zeigte keine vollständige
Muskelerschlaffung. Sie war antriebslos, konnte keine Bedürfnisse äußern,
reagierte nicht auf das Geschehen um sie herum und antwortete nicht auf Fragen,
aber gelegentlich murmelte sie einige unverständliche, stereotyp wiederholte
Worte. Zum Essen benötigte sie Hilfe. Das Elektroenzephalogramm und
die Untersuchung ihres zentralen Nervensystems lieferten keine auffälligen
Befunde. Sie kooperierte nicht mit ihren psychologischen Gutachtern und
sprach nicht auf soziale Rehabilitationsmaßnahmen an. Neuroleptika
zeigten keine Wirkung. Bei einem Ausflug auf einen Markt erkannten die Passanten
sie sofort als Zombie.
Unsere Verdachtsdiagnose lautete auf katatonische Schizophrenie, eine vor Ort nicht selten anzutreffende Form der endogenen Psychose (Douyon 1972).
W. D., 26 Jahre alt, war der
älteste Sohn eines angeblichen Angehörigen der Tontons Macoutes,
der paramilitärischen Geheimpolizei unter der Duvalier-Diktatur. Dieser
Vater war unser wichtigster Informant, außerdem haben wir mit W. D.’s
Mutter und weiteren Dorfbewohnern gesprochen. Als er 18 war, hatte er plötzlich
Fieber bekommen, „seine Augen wurden gelb“, er „roch schlecht, nach Tod“,
und „sein Leib schwoll an“. Sein Vater glaubte, es sei schwarze Magie im
Spiel, und bat seinen älteren Bruder, einen Bokor hinzuzuziehen, aber
drei Tage später starb W. D. Er wurde auf dem Familiengrundstück
in einer Gruft neben dem Haus einer Cousine bestattet. Anders als sonst
üblich, wurde in der folgenden Nacht keine Wache an der Gruft gehalten.Als
W. D. 19 Monate später bei einem Hahnenkampf in der Nähe des
Dorfes wieder auftauchte, erkannte er seinen Vater wieder und beschuldigte
seinen Onkel, ihn in einen Zombie verwandelt zu haben. Äußerungen,
die seine Familie bei seiner Bestattung gemacht hatte, gab er zutreffend
wieder. Die anderen Dorfbewohner, der örtliche katholische Priester
und der Dorfpolizist sahen ihn als Zombie an. Er blieb im Hause seines Vaters,
wo man ihn mit den Beinen an einen Holzklotz kettete, weil er sonst ziellos
durch die Gegend lief. Auf eine Anzeige seines Vaters hin wurde der Onkel
festgenommen und von einem Provinzgerichtshof wegen Erschaffung eines Zombies
zu lebenslanger Haft verurteilt.
Er hatte gestanden, aus Neid auf seinen des Lesens und Schreibens kundigen
Bruder gehandelt zu haben, der dank dieser Fähigkeit das gesamte Land
der Familie auf seinen Namen hatte registrieren lassen. Die Geschichte,
die W. D.’s Vater erzählte, wurde von den Dorfleuten, vom örtlichen
Sargmacher sowie dem Richter und dem Priester bestätigt, die an dem
Gerichtsverfahren beteiligt waren; außerdem haben wir W. D.’s
Sterbeurkunde und die Akten des Prozesses gegen seinen Onkel einsehen können.
Während der politischen Unruhen des Jahres 1991 ist der Onkel aus
dem Gefängnis entflohen. Wir nahmen seine Spur auf, und er war bereit,
sich von uns befragen zu lassen, wenn wir für seine Sicherheit garantierten.
Er bestritt den Vorwurf der Hexerei oder der Vergiftung und sagte, das
Ganze sei ein Trick seines Bruders gewesen, um ihn endgültig zu enteignen,
und das Geständnis sei unter Polizeifolter zustande gekommen. Die
Cousine bestritt jede Beteiligung an der Verwandlung W. D.’s in einen
Zombie und verweigerte uns die Erlaubnis, die Grabstätte auf ihrem
Grundstück zu öffnen.
W. D. war von schmächtiger
Statur, sah jünger aus als 26 und war viel dünner als auf dem
alten Foto, das seine Eltern uns zeigten. Er zog ständig Grimassen,
verbrachte die meiste Zeit in einer charakteristischen Haltung sitzend oder
liegend (Beine nach links, Arme nach rechts) und sprach selten aus eigenem
Antrieb – wenn, dann sagte er nur einzelne Wörter, die formal und inhaltlich
normal wirkten. Aus seiner Zeit in der Gruft und der anschließenden
Gefangenschaft wusste er nichts zu berichten, aber er bestätigte,
malad (krank) und ein Zombie zu sein. Wenn man ihn dazu aufforderte, konnte
er aufrecht stehen und – wenn auch langsam – gehen; der Bewegungsablauf
wirkte normal und sicher.Seine Eltern gaben an, er sei nicht inkontinent
und teile sich ihnen mit, wenn er Hunger habe, aber sie müssten ihn
baden und ihn an- und auskleiden. Seine Augen erforschten seine Umgebung
zielgerichtet, aber er vermied direkten Blickkontakt. Seine Handgelenke
trugen ringsum Narben, die auf Abschürfungen durch Ketten oder Drahtschlingen
zurückzuführen sein dürften. Seine Mutter identifizierte
ihn unter anderem an einem überstreckten Ringfinger, der ihr zufolge
auf einen Unfall in seiner Kindheit zurückging. Über seinem Brustbein
fanden wir ein vernarbtes, rundes Loch von 5 mm Durchmesser, das von Zeit
zu Zeit Eiter absonderte. Sein Vater sagte, er habe es schon bei seiner
Rückkehr bemerkt und glaube, an dieser Stelle sei W. D. das Gift
verabreicht worden, mit dem er während seiner 18-monatigen Gefangenschaft
ruhig gestellt worden sei. Die Untersuchung seines Körperzustands und
seines zentralen Nervensystems erbrachte – außer einem leichten Muskelschwund
– keine auffälligen Befunde.
Voodoo (engl.; dt.
Wodu, frz. Vaudou) ist eine afrokaribische Religion, der 75-90 %
der (nominell zu 98 % christlichen) Bevölkerung Haitis
anhängen. Der synkretistische Kult vereinigt Überreste
der Religion der nach Haiti verschleppten Sklaven vom Volke der Fon
(aus dem Reich Dahome, im heutigen Benin) mit der christlichen Heiligenverehrung
der Kolonialherren. Da der transzendente Schöpfergott (Bondieu,
im Artikel Le Grand Maitre genannt) kaum zugänglich ist, werden
bei den Besessenheits- und Opferritualen Mittlergottheiten oder -engel
(Loas) verehrt. Neben der weißen gibt es auch eine schwarze
Magie, durch die Menschen in Zombies verwandelt werden können.
Legte man ihm vertraute Gegenstände in die Hand, ohne dass er sie
sehen konnte, so tat er sich mit ihrer Indentifikation schwer; zeigte man
sie ihm hingegen, so konnte er sie benennen. Seine Eltern berichteten, dass
er manchmal Wutanfälle bekam, wenn man ihn provozierte, und dann wild
und ungerichtet um sich schlug und trat. Etwa einmal pro Woche bekomme
er im Schlaf malkadi (Anfälle), bei denen er schreie und sich seine
Gliedmaßen verkrampften. Wir fanden keine Hinweise auf Denkstörungen,
Halluzinationen oder katatone Schizophrenie.
Wir vermuteten einen organischen Hirnschaden und Epilepsie, womöglich durch eine zeitweilige Sauerstoffunterversorgung ausgelöst. Seine Krampfanfälle konnten durch die Gabe von täglich 100 mg Phenytoin [ein Antiepileptikum, A. d. Ü.] auf etwa einmal pro Monat reduziert werden.
M. M., 31 Jahre alt, war nach Aussage ihrer älteren Schwester (unserer Hauptinformantin) früher ein freundliches, wortkarges, zurückhaltendes und nicht sehr kluges Mädchen gewesen. Als sie 18 Jahre alt war, hatte sie sich mit einigen Freundinnen zum Gebet für einen Nachbarn getroffen, der in einen Zombie verwandelt worden war; daraufhin erkrankte sie selbst. Sie bekam Durchfall und Fieber, ihr Leib schwoll an, und nach ein paar Tagen starb sie. Die Familie vermutete dahinter einen Rachezauber. Nach 13 Jahren – zwei Monate, bevor wir sie zu Gesicht bekamen – war M. M. auf dem Markt der Stadt wieder aufgetaucht. Sie erzählte, sie sei als Zombie in einem Dorf gefangen gehalten worden, das etwa 160 Kilometer weiter nördlich liege, und habe dort von einem weiteren Zombie (oder vielleicht vom Bokor) ein Kind bekommen. Nach dem Tod des Bokor habe dessen Sohn sie freigelassen, und sie habe sich zu Fuß auf den Heimweg gemacht. Ihr nominell katholischer Bruder war zum Protestantismus konvertiert, den er sehr eigenwillig auslegte, und praktizierte nach der Rückkehr seiner Schwester, die er als Zombie ansah, ein tägliches Heilungsritual mit Glossolalie (Zungenreden) und Handauflegen, an dem sich die ganze Familie und der Freundeskreis beteiligten.
M. M. wirkte jünger als
31, war dünn und von schmächtiger Statur und hatte einen kleinen
Kopf und kleine Ohren.
(amtlich Repíblík
Dayti/République d’Haïti) nimmt das westliche Drittel
der westindischen Insel Hispaniola ein, auf der 1492 Columbus landete;
der Nachbarstaat ist die Dominikanische Republik. Der 27 750
km 2 große Staat mit der Hauptstadt Port-au-Prince
hatte 1994 gut 7 Mio. Einwohner; Amtssprachen sind Französisch
und Kreolisch. Nach der langen Diktatur unter F. Duvalier (Papa Doc)
und seinem Sohn J.-L. Duvalier (Baby Doc) ist Haiti seit 1987 eine
Präsidialrepublik. 1990 wurde der schwarze Salesianerpriester
J.-B. Aristide zum Präsidenten gewählt, 1991 putschte das
Militär. Ein UN-Blauhelm-Mandat sorgte dafür, dass 1995 erneut
ein Präsident gewählt werden konnte. Die Arbeitslosenquote
wurde 1995 auf 70 % geschätzt; 55 % der Einwohner dieses
ärmsten lateinamerikanischen Landes (Bruttosozialprodukt je Einwohner
1994: 220 US-$) sind Analphabeten. 75 % der Menschen sind nominell
katholisch (ehemalige Staatsreligion), etwa 23 % gehören
verschiedenen evangelischen Kirchen an. Zugleich hängen mindestens
75 % der Bevölkerung dem Voodoo an.
Sie reagierte bereitwillig auf Ansprache, stellte von sich aus Fragen,
kicherte häufig und lachte in unpassenden Situationen. Die Untersuchung
ihres Allgemeinzustands, ihres zentralen Nervensystems und ihrer geistigen
Verfassung erbrachte außer einer runden Brustbeinnarbe von 1 cm Durchmesser
keine Auffälligkeiten. Ihre Sprachvermögen war recht beschränkt,
aber die kurzen Sätze waren grammatisch korrekt. Sie fühlte sich
krank, bestritt jedoch, ein Zombie zu sein. Ihre Nachbarn sahen sie nicht
als typischen Zombie an, da sie Gefühlsreaktionen zeigte und auf ihre
Mitmenschen einging. Ihr Bruder sagte, sie sei dümmer (pa-intelijan)
als früher. Sie konnte nicht einmal ihren Namen schreiben, und uns
erschien ihre Intelligenz unterentwickelt. Bereitwillig gab sie uns vage
Auskünfte über ihre Gefangenschaft, die mit dem Bericht ihres
Bruders übereinstimmten. Sie konnte für sich selbst sorgen, aber
ihre Eltern gaben an, dass sie es genoss, verpflegt und liebkost zu werden.
Unsere Verdachtsdiagnose lautete auf Lernbehinderung, hervorgerufen vielleicht
durch Alkohol-Missbrauch der Mutter während der Schwangerschaft.
Mit M. M.’s Einwilligung nahmen wir sie in jene Gegend mit, in der sie nach eigener Aussage als Zombie gefangen gehalten worden war. Auf dem Markt wurde sie sofort als Einheimische schlichten Gemüts erkannt, die vor neun Monaten – während des Karnevals vor der Fastenzeit – mit einer Gruppe von rara-Musikanten fortgegangen war.Beide Familien beharrten nun darauf, dass M. M. ihre Angehörige sei, und beschuldigten sich gegenseitig, sie in einen Zombie verwandelt zu haben. Dann tauchten M. M.’s Tochter und ihr Bruder auf, der ihr sowohl vom Körperbau her als auch bezüglich der Verhaltenseigenarten stark ähnelte und, ebenso wie sie, leicht beeinflussbar und geistig etwas zurückgeblieben wirkte. Sie erkannte ihre Tochter wieder, deren Namen sie uns zuvor korrekt genannt hatte, aber sie bestand weiterhin darauf, der Kindsvater sei ebenfalls ein Zombie gewesen. Die Dorfleute sagten, sie sei früher mit einem Mann aus dem Ort verheiratet gewesen, aber wir konnten ihn nicht ausfindig machen. M. M. hielt ihren Cousin für den Sohn des Bokor, aber die Dorfbewohner lachten nur über diese Idee.
Wir kamen zu dem Schluss, dass es sich bei M. M. um einen Fall von Fehlidentifikation handelte. Sie war offenbar entführt worden oder von zu Hause weggelaufen und war schließlich auf einen Mann gestoßen, der in ihr seine verstorbene und zum Zombie verwandelte Schwester wiederzuerkennen glaubte.
Die Bokors oder Magier
Wir haben zwei Schwarzmagier befragt,
von denen uns einer an einer pilay fey-Zeremonie (Schutzzauber) teilnehmen
ließ. Wie die meisten Magier unterhält er zum einen selbst einen
Tempel und gehört zum anderen einer der Geheimgesellschaften an (zobop,
bizango, cochon gris, secte rouge), die mit der Erschaffung von Zombies
in Verbindung gebracht werden (Davis 1988, Torda et al. 1973) und nach den
Paragraphen 224 und 227 des Strafgesetzbuches verboten sind. Der andere
Bokor ist zum Protestantismus übergetreten und ist jetzt ein bekannter
Gegner des Voodoo. In seinen dramatisch inszenierten Gottesdiensten legt
er schauerliche Berichte aus seiner dunklen Vergangenheit ab. Keiner der
beiden hatte etwas mit den oben angeführten Fällen zu tun; sie
kennen und achten einander, ja: sie unterhalten erstaunlich herzliche Beziehungen.
Sie bezeichneten die von uns geschilderten Fälle als glaubhaft. Wir
zeigten ihnen sowohl einen Kugelfisch als auch einen Zweig des Manzanilla-Baums
(Hippomane manicella, Zombie-Apfel), die wir uns besorgt hatten, und sie
bestätigten, dass sie selbst von beiden Mitteln Gebrauch gemacht hatten.
Manzanilla gilt allgemein als Adstringens, das die Magier zusammen mit dem
eigentlichen Gift äußerlich auftragen (Thomson 1992). Der noch
aktive Bokor zeigte uns Flaschen mit eingesperrten Zombie astrales; die
dazu gehörigen Zombie cadavres hatte er angeblich an Landwirte in der
Umgebung und an andere Bokors verkauft, und die Begegnung mit ihnen könne
für uns gefährlich sein (eine weit verbreitete Antwort, wenn Außenstehende
die Zombies zu sehen wünschen).
Beide nannten uns weitere pflanzliche und tierische Zauberzutaten, die
den von Davis (1988) aufgelisteten Mitteln ähneln. Sie gaben uns recht
offen über ihre Magie Auskunft und nannten uns als Referenzen weitere
Bokors, die uns ihre Kompetenz bestätigen würden. Zwar legten
sie Wert auf die Feststellung, dass sie selbst die Zaubermittel nur zur
Ferneinwirkung einsetzten, aber sie räumten ein, dass man dieselben
Substanzen auf die Haut auftragen oder vom Opfer inhalieren lassen könne,
um einen Zombie zu erzeugen. Sie wussten nicht, was es mit den Brustbeinnarben
von W. D. und M. M. auf sich hatte, und auch in der völkerkundlichen
Literatur haben wir keine Hinweise auf solche Male gefunden.
Tests
Die genetischen Fingerabdrücke (DNA-Analysen, Jeffreys et al. 1985) zeigten, dass W. D. nicht der Sohn seiner vermeintlichen Eltern ist und dass M. M. die Schwester keines der beiden Männer ist, die sich als ihre Brüder bezeichneten; das Kind ist jedoch höchstwahrscheinlich wirklich ihre Tochter, wie sie behauptet hatte. Die Computertomogramme von W. D. und M. M. bewegten sich im Normalbereich.
Diskussion
Wahrscheinlich lassen sich nicht alle Zombie-Fälle auf dieselbe Erklärung zurückführen. Die Fehlidentifikation herumirrender, geistig verwirrter Fremder dürfte die meisten Fälle abdecken (Mars 1945), so wie hier W. D. und M. M. In Haiti ist es keine Seltenheit, dass Schizophrene, Gehirngeschädigte oder geistig Zurückgebliebene in der Gegend herumirren, und da es diesen Menschen oft an Willenskraft und Erinnerungsvermögen mangelt, werden sie oft als typische Zombies angesehen. In Mittelamerika und in der Karibik wird eine psychische Erkrankung oft als Verlust irgendeiner Lebens- oder Antriebskraft interpretiert (Littlewood 1993). Die große Bereitschaft der Haitianer, Menschen wie M. M. als Zombies anzuerkennen, und der im Allgemeinen rücksichtsvolle Umgang mit ihnen können als eine Art institutionalisierter Fürsorge verstanden werden, die man notleidenden Geisteskranken angedeihen lässt. Wer einen Zombie wiedererkennt und in die Familie aufnimmt, wird mit gesteigertem sozialen Ansehen und manchmal auch mit materiellen Zuwendungen belohnt. Schwieriger ist die offenbar weit verbreitete Bereitschaft des „Heimkehrers“ zu begreifen, sich in die Doppelrolle als Zombie und als Familienangehöriger zu fügen.
Einen guten Überblick
über Voodoo gibt Pietro Bandinis Taschenbuch „Voodoo: Von Hexen,
Zombies und schwarzer Magie“ (Knaur 1999, DM 16.90, ISBN 3-426-77424-0). Der Autor – ein
Privatgelehrter, der sich mit Mythen- und Kulturgeschichte beschäftigt
– reißt die Geschichte dieser Religion an, führt den Leser an
ihren Pantheon heran, zeigt auf, wie sich die ehemaligen Sklaven des
Katholizismus ihrer Herren als Maske für ihre alten Gottheiten
bedienen, stellt verschiedene Rituale vor und widmet sich der weißen
und der schwarzen Magie des Voodoo. Ein Glossar erläutert die
wichtigsten, größtenteils kreolischen Begriffe.
Die Überzeugung der Einheimischen, dass vermeintlich gesunde, junge
Erwachsene nie eines ganz natürlichen Todes sterben (Littlewood 1993,
Brodwin 1996), die Selbstverständlichkeit, mit der man allerorten
schwarze Magie am Werk vermutet, und die große Zahl von Leuten, die
uns erzählten, sie seien in irgendeiner Form an versuchten Zombie-Verwandlungen
beteiligt gewesen, lassen vermuten, dass die Bokors ziemlich oft in die
Grüfte einbrechen. Menschliche Leichenteile gehören zu den wichtigsten
Zutaten der Zaubermittel, und die meisten Grüfte auf dem Lande sind
bereits mindestens einmal aufgebrochen worden. Die meisten Humfòs
(Voodoo-Tempel), die wir untersucht haben, enthielten menschliche Schädel
sowie weitere Körperteile. Bedenkt man, dass bei den meisten Sterbefällen
kein Arzt herangezogen wird, um den Tod festzustellen, und dass die Verstorbenen
meist innerhalb der nächsten vierundzwanzig Stunden bestattet werden,
so ist die Möglichkeit, dass die entwendete „Leiche“ nur scheintot
ist, nicht völlig abwegig. Die wiederholte Anwendung von Datura stramonium
(Stechapfel), zunächst zur Wiederbelebung und dann – während
des Sklavendienstes – zur Aufrechterhaltung des Zombie-Zustandes, könnte
durchaus zu einem Zustand extremer Antriebslosigkeit führen.
Wir können nicht ausschließen, dass es wirklich Bokors gibt, die bei ihren Opfern ein Nerven-Muskel-Gift – vielleicht zusammen mit einem Reizmittel – äußerlich auftragen, um eine Katalepsie auszulösen, und die so Vergifteten später aus der Gruft entführen (Davis 1988). Aus Japan weiß man, dass Tetrodotoxin-Vergiftungsopfer manchmal spontan, rasch und vollständig wieder genesen (Torda et al. 1973). Das würde zum Beispiel zu der Geschichte von F. I. passen, deren Gehirn durch den Sauerstoffmangel in der Gruft zu Schaden gekommen sein könnte.
Dass die Bokors Zombies tatsächlich auf versteckten Feldern als Arbeitssklaven halten, erscheint angesichts der hohen Bevölkerungsdichte Haitis nicht plausibel. Man entdeckt Zombies niemals während ihrer Gefangenschaft, sondern immer erst bei ihrer Rückkehr. Unter den Duvaliers, die systematisch Voodoo-Priester (Hungans) als Spitzel angeworben haben (Diederich und Burt 1972), und unter dem ausgedehnten Handelsembargo während und nach der Duvalier-Diktatur (Thomson 1992, Aristide 1993) gab es ungezählte Fälle von Entführung, Folter, sexuellem Sklavendienst und geheimen Hinrichtungen, die als Voodoo-Rituale und schwarze Magie getarnt wurden (Aristide 1993, Human Rights Watch 1996).
Eine tiefergreifende Untersuchung des Zombie-Phänomens setzt eine Analyse der haitianischen Psyche und der zum Teil politischen Motive voraus, die sich hinter vielen scheinbar privaten dörflichen Auseinandersetzungen und Hexerei-Vorwürfen verbergen. Es wäre interessant herauszuarbeiten, ob und wie das Zombie-Konzept nicht nur das haitianische Verständnis seelischer Erkrankungen widerspiegelt, sondern zugleich Haitis Geschichte als die schwarze Republik ehemaliger Sklaven, die auch nach ihrer Befreiung noch ständig mit der Gefahr leben mussten, in die politische Abhängigkeit zu geraten, von fremdem Mächten besetzt zu werden und ihre Selbstbestimmung einzubüßen (Human Rights Watch 1996, St. John 1884, Nicholls 1979, Larose 1977).
Roland Littlewoods Vor-Ort-Recherche wurde vom britischen Fernsehsender Channel 4 und von National Geographic unterstützt. Wir danken Chris Ledger, Chantal Regnault, Conrad Gorinsky und Louis Mars.
(Übersetzung: Andrea Kamphuis. Die Originalfassung dieses Artikels erschien erstmals in Lancet 350 (1997), 1094-1096)
Literatur