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SCHWARZKUNST



--Gesellschaftliche Gelassenheit

Uns Menschen, die wir immer die Herde suchen, uns gehört der Circus maximus, die
öffentliche Hinrichtung, das Kirchweihfest, der Fußball, die Messe, das Oktoberfest und
die lustige Armee. Hier können wir Leben spüren wie ein großes, beruhigendes
Daherfahren mit einem mächtigen Traktor. Unsere Geste wird die Geste von Tausenden,
unser leisestes Murmeln schwillt millionenhaft und fegt zuletzt als brausender Chor durch
den Tag, überbrüllt leicht und ungewollt die kleinen Piepser, wie von jungen Ratten,
lächerlich machtlos, ohne Anschluß und ohne Bezug.
Aber auch die werden dazugewonnen. Durch die Segnung des Fernsehens gewinnen
auch diejenigen einen kräftigen Anschluß und einen griffigen Bezug, die sich schämen,
mit vielen in einem Raum zu sein, das Glas zu heben, wie es im gleichen Moment so viele
andere tun, für alle sichtbar dazugehörig  und Teil der Menge zu sein. Ja, denn denen
wird es reichen, wenn man ihnen nicht zusieht bei ihrem massenhaften Tun. Sie sitzen vor
den Fernsehgeräten und lachen, weil es lustig ist, privat und für sich, und Millionen
lachen mit ihnen gemeinsam und sie lachen über den gleichen Witz, nur hört man es
nicht. Es bleibt ja auch soviel Möglichkeit zur Besonderheit in der Form, zur Nuance,
und man weiß ja letztlich nicht, wieviele gerade eben in dem Moment genauso und
anders nicht nuancieren. Man kommt sich doch dann nicht dumm vor! Und das ist schon
genug! Damit haben wir schon überzeugt, denn wir verschafften unseren verschämt
verlaufenen Schäfchen den Anschluß an das, was doch von uns demokratisch gewollt ist.
Wir brauchen ja ihre Hilfe nicht. Aber das Wissen um etwas Gemeinsames, das wäre
schön.
   Aber man denkt: Da bleiben ja immer noch welche, die nicht mitmachen bei etwas
massenhaftem, auch die müssen doch bekehrt werden zu dem was demokratisch von uns
gewollt ist!
   Aber seht: Wir, die sie die Herde nennen, beanspruchen für uns die saftigen Weiden,
und wir genießen es, saftiges grünes Gras zu kauen, während die Eigenbrödler mißmutig
im Abstand um uns herum die karge Ödnis durchstreunen. Der scheele Blick wandert
immer und immer zu uns und unserem unbeschwerten Genuß. Was haben sie denn schon
Eigenes, woran sie sich erfreuen könnten? Haben sie denn wirklich - wie sie ja
behaupten - eine Wahl getroffen und entschieden? Oder kranken sie nur an der Angst vor
der Vergleichbarkeit in der Menge? Sie leben in der Ödnis doch nur, weil sie sich nicht
trauen, in dicht besiedeltem Gebiete einen Platz zu beanspruchen. Sie sagen: Ich will
nicht! - Aber es müßte doch wohl eher heißen: Ich kann nicht!
Deshalb laßt sie doch ruhig zusehen, wie wir uns harmlos vergnügen. Laßt sie ruhig
reflektieren und analysieren, sie werden mit den Früchten ihres Außenseiterdaseins schon
früh genug zu uns hergelaufen kommen. Voller Stolz werden sie uns dann ihr bißchen
Kunst und ihre kleinen Traktate präsentieren, wie kleine Kinder, die der Mama ihr erstes
Bildchen zeigen, in der bangen Hoffnung auf ein Lob, ein gutes Wort. Und seht mal, die
Bildchen! Hört, ihre Geschichten! Sie malen ja uns! Und ihre Geschichten handeln von
uns, die sie als Herde bezeichnen. Wir sind ja die Mitte! Wir sind das Volk!
Also laßt sie! Sie dienen schließlich unserer Unterhaltung.