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SCHWARZKUNST
EXU (sprich: ESHU)
Text von Kay Hoffman
Exu eröffnet die Zeremonien, die zu Ehren der Orixas gehalten werden.
Exu erregt Aufsehen und macht die Götter darauf aufmerksam, was die
Menschen treiben.
Dadurch lädt er die Götter zu den Menschenfesten ein.
Exu macht aber auch die Menschen aufmerksam auf das Treiben der Götter.
Durch ihn bekommen die Menschen erst den richtigen Kontakt – zu sich selbst,
zu den Göttern, und
zu den Schatten und anderen Hälften des Göttlichen.
Exu verkörpert den dunklen Rest, den wir alle in uns tragen.
Ohne Exu läuft nichts in der Welt.
Deshalb wenden wir uns zuerst an Exu, wenn wir etwas erreichen wollen.
DER HALBE GOTT
MIT DEN VIELEN TRICKS
GOTT DER PROVOKATION
Bringt: UNRUHE
VERWIRRUNG
ZWIESPALT
STÖRUNG
IRRITATION
INTERESSE
KREATIVITÄT
EXU
öffnet die Wege
ist unverschämt
schmiert, kleckst, schmarotzt
gibt sich als feiner Herr
als Dolmetscher der Götter
und ist dabei eine Null, ein Nichts
ohne klare Linie, charakterlos,
Hampelmann und Clown
Jedermanns Liebling
verspricht alles und hält nichts;
ist immer obenauf, nicht unterzukriegen,
immer zur Stelle, wenn man ihn ruft.
Süchtig. Verführt. Ist selbst gefangen,
In alles verstrickt, dabei voller Lust.
Und wie er den Konflikt liebt und auflebt im Streit!
Und wie er sich nährt von Unklarheit, Zwiespalt,
Zwitterform, von Hin und Her und dem Dazwischen!
Er hat keine Skrupel, ist auf den Kreuzungen zu Hause,
mitten im Verkehr, hat immer einen Steifen, kann immer
und überall. Ist bestechlich. Liebt Alkohol,
Schnaps insbesondere, starken Tobak, und alles
was glitzert, glänzt, schillert. Er gibt dafür:
Erfolg, Macht, sexuelle Potenz
Anziehungskraft.
Zwischen Ficken und Furzen kommt er auf weichen Knien
dahergeschlichen, hat keine Knochen im Leib;
stellt sich selbst ein Bein, stolpert,
fällt immer auf die eigenen Füße.
Er stört.
Er hält die Welt in Atem.
Ohne Exu läuft nichts.
Exu tanzend erleben
Eine innere Bewegung beginnt. Erst nur die Vorstellung eines tonlosen Lachens
- nach Tagen
vielleicht erst darüber wirklich lachen können, und mit dem Auslachen
die Spannung ablassen, sich
Ausatmen entleeren, ganz leer werden: brüllendes Gelächter, aufschrillende,
überschäumende, sich
eindrehende Bewegung vom Scheitel zum Steiß. Becken vorgezogen. Konvulsionen,
vor Lachen
sterben. Rollen, wälzen, einknicken, umfallen.
Mund weit auf, Kiefer locker, ein gähnender Abgrund voll Anzüglichkeiten.
Manchmal auch eine
Zigarette oder Zigarre im Winkel, schiefes Maul.
Die Bewegung äußert sich im tonlosen Lachen, das jetzt explodiert
unter der Gürtellinie: das Becken
loslassen, läuten lassen wie eine Glocke, Glucksen der Geschlechtsteile,
und die Zeigefinger stochern
wahllos in der Gegend herum. Teufelshörnchen, bereit, hineinzustechen
in die Wunde, den Schmerz,
den Zweifel, das Einfallstor. Gierig ist er nach Abenteuer und Risiko. Gierig,
die Störung
aufzuspüren, den Reiz des Ärgers, den Kitzel des Ungewohnten, die
Reibung und Rötung bis hin zur
Entzündung.
In den Beinen hat er Brei, in den Knien hat er Gummi. Mehr Schlackern und
Schlabbern statt Stehen.
Knickt ein, knickt um, ständig. Sabbert. Bei ihm geht alles wie geschmiert,
dank Sprungfeder in der
Mitte, wo die Seele eines Schachtelteufels sitzt: keck vor, winselnd zurück,
taumelnd, torkelnd.
Im Ausfallschritt die Füße einfangen, verkreuzt, verflixt, verquer
– beiläufig, Mitläufer, immer auf
der Überholspur: Exu ist unmöglich.
Man muss den Teufel einladen,
will man seinen Frieden haben.
Wer Exu nicht bedenkt,
muss mit Störungen rechnen.
Verhungert Exu,
so gibt es keine Botengänge mehr.
Exu ist wie Quecksilber, flüchtig.
Ein Atem geht,
ein lüsterner Blick,
Erregung irgendwo.
Die Hitze schießt in den Bauch. Und vom Bauch zur Erde. Die Aufmerksamkeit
wird auf Schambein
und Steißbein gelenkt, der Bereich dazwischen erspürt. Das Vor-
und Rückschwingen des Beckens
geschieht nur unterhalb der Gürtellinie und isoliert von den Bewegungen
des ganzen Rumpfes und
den Schrittbewegungen. Das Becken hängt locker zwischen den Beinen.
Die Knie sind weich und
nachgiebig, jederzeit bereit zum Fallen. Exu hat die Funktion, um jeden Preis
Kontakt herzustellen,
und sei es durch Störung, Provokation und Streit. Er gibt sich vulgär
und erreicht damit den Kontakt
zu den Trieben und Impulsen, die oft als niedrig eingestuft und somit verdrängt
werden, die bei
vielen Menschen verschüttet sind - gleichzeitig damit die elementare
Lebenslust. Exu weckt sie
wieder.
Philosophie der Provokation:
Jeder Anfang ist eine Provokation. Neue Energien werden wachgerufen, um Gestalt
anzunehmen. So
beginnt sich ein Geschehen abzuzeichnen, das später Geschichte machen
und in die Geschichte
eingehen wird.
Jede Provokation ist eine Herausforderung, eine Krise, eine Chance. Wer provoziert,
ruft eine
Reaktion hervor. Provokation heißt wörtlich Anrufung. – Eine Anrufung
oft ohne Wissen und
Bewusstsein, ohne Respekt, ohne edle Motive. Und dennoch wirkt sie und führt
weiter, stößt an,
bewirkt Entwicklung.
In unseren Märchen ist es der jüngste Sohn - oft als ein Dümmling
gescholten oder zumindest für
dümmer erachtet als die älteren Brüder, die genau zu wissen
scheinen, worum es im Leben geht -,
der hinaus in die Welt zieht und sie, gegen alle Umstände, meistert.
Meist weiß er am Anfang nicht
so recht, was er eigentlich will, und gerät mitten hinein in das ihn
vorwärts drängende und
verwandelnde Geschehen voller Abenteuer und Gefahren, aus dem er jedoch als
Sieger, Bräutigam
und Anwärter auf den königlichen Thron hervorgeht. Mit ihm beginnt
eine neue Ära, als
rechtmäßiger Nachfolger des alten Königs tritt er sein Erbe
an. Solche "unordentlichen" Erbfolgen,
in denen ein Neuankömmling sich dank bestandener Mutproben und bewältigter
Aufgaben
durchsetzt, sind allerdings nur in den Märchen die Regel. In Wirklichkeit
besitzt das alteingesessene
Gleichgewicht, die gewohnte Ordnung, mehr Vertrauen als das Neue oder der
Neue, der unter dem
Motto "Da könnte ja ein jeder kommen" und dem Verdacht der Beliebigkeit
abgewehrt wird. Die
Angst vor dem Neuen ist Angst vor dem Fremden, das zunächst sich nicht
in die alte Ordnung
einordnen lässt, also keine Notwendigkeit besitzt, die es als rechtmäßig
und angebracht ausweisen
könnte. Es stellt sich die ängstliche Frage, ob bei dem Neuen,
das eintritt, nicht der Zufall - statt
sinnvoller Notwendigkeit - mitgespielt habe, wobei der Zufall im Gegensatz
zur Notwendigkeit nicht
als sinnvoll, sondern als unsinnig oder sinnlos erlebt wird.
Exu, der göttliche Provokateur, vermittelt zwischen der alten und der
neuen Ordnung, wobei er
zunächst als Störenfried auftritt, und dies nicht nur bei Lebzeiten,
sondern auch und vor allem nach
seinem Tode. Es dauert einige Zeit, bis die Störung als solche erkannt
und nicht als Zufall, nämlich
Pech, gedeutet und bis die entscheidende Frage, die zur neuen Ordnung Überleitet,
gestellt wird.
Nun erst kann sich Exu den Menschen zeigen und sich als Besonderer ausweisen.
Die Wirklichkeit,
die sich zäh und teigig in ihrem gewohnten Fluss dahinzieht, unterschiedslos,
einschläfernd, wird von
der Libido, der kecken Lust, durchstoßen. Der Provokateur achtet nicht
einmal den Tod. Von
Provokateuren wird erzählt, dass sie über Leichen gehen, aber auch,
dass sie die Seelen der
Verstorbenen sicher an ihren Bestimmungsort geleiten. Über Leichen zu
gehen mag seine guten
Seiten haben. Gerade durch die Unerschrockenheit der Lebenslust, die vor
dem Tod nicht Halt
macht, ist schon mancher Scheintote wieder aus seinem Grab aufgerüttelt
worden.
Besonders effektiv ist die sexuelle Provokation. Exus Markenzeichen ist das
Phallus-Symbol, das in
vielen Fetischen, Glücksbringern und Amuletten vertreten ist. Es hat
nicht nur die Funktion der
Anregung, sondern auch des Schutzes hat. Der Phallus ist nicht nur Garant
einer vegetativen
Fruchtbarkeit, die etwa das Fortbestehen des Stammes sichert, sondern er
ist augenscheinlicher
Repräsentant einer sehr fleischlichen und sehr konkreten Auferstehung.
Nicht eine Auferstehung ist,
die ein für alle Mal sozusagen repräsentativ geschehen ist, sondern
eine Auferstehung, die sich immer
wieder aktualisiert und die die dominierende Präsenz eines vegetativ-animalisches
Geschehen der
Körpervorgänge im Leben verkörpert. anknüpft. Wie wir
alle wissen, sind diese Vorgänge nicht
unmittelbar dem Willen des Menschen unterworfen, und die Eigenart des Phallus,
seine
Eigengesetzlichkeit gegen den Willen zu verteidigen, hat ihn im Christentum
desavouiert. Denn dort
spricht man von der Schwäche des Fleisches, wobei paradoxerweise gerade
dessen Stärke gemeint
und gefürchtet ist. Die immer wieder sich vollziehende Auferstehung
hat als Modell gegenüber der
einmal vollzogenen den großen Vorteil, dass sie zwar nicht ein ewiges
Leben garantiert, dafür aber
die Lebenslust zum ewigen Prinzip des Lebens selbst erhebt. Isis empfängt
Horus von dem toten
Osiris, dessen Phallus noch Über seinen Tod hinaus wirksam ist. Der
Phallus siegt über Resignation
und Schwermut, sogar über Tod und Vergänglichkeit. Der Phallus
wird zum einem
lebenserhaltenden und lebensnotwendigen Schutz gegen die grauen Lebensfeinde.
Gegen die morbide
Sehnsucht nach vorzeitiger Ruhe, einer ewigen Ruhe die in der Vorstellung
mit einem ewigen
Frieden gekoppelt ist. Wo sich nichts mehr bewegt, kein Risiko mehr eingegangen,
keine
Entscheidung mehr gefällt, nichts mehr gewagt werden muss. Wo auch nichts
mehr zu gewinnen ist.
Eine mae de santo, eine Candomblé, beschreibt Exu: Exu lebt an der
Grenze zwischen den beiden
Welten - der Weg vom weltlichen zum heiligen Universum ist weit, Afrika fern,
und nicht immer
verstehen die Götter Afrikas ihre Anhänger in der Fremde. Exu geht
in jener ungewissen Sphäre um,
die uns von den Göttern trennt. Exu zu opfern, bedeutet einen Wegzoll
zu zahlen. Mit Hilfe einiger
Geschenke bringt uns Exu in Kontakt mit den Göttern. Das Fleisch des
Opfertieres wird gekocht und
zubereitet und zusammen mit einem Glas Wasser auf eine Straßenkreuzung
gestellt. Exu ernährt sich
davon. Er benachrichtigt die Götter von dem bevorstehenden Fest, bei
dem ihre Kinder mit nackten
Füßen auf dem Boden des terreiro bereit sind, sie zu empfangen.
Exu ist unser Botschafter, unser
Wortführer.
Exu ist der Herr der Kreuzungen. In seiner für ihn typischen Art des
Störenfrieds bricht er in die
Ruhe und Ordnung der linear und kausal sich abwickelnden Kette der Ereignisse
vertikal und
unmittelbar ein, macht einen Strich durch die Rechnung. Wo Exu aufkreuzt,
entsteht das Kreuz als
Zusammenprall von Horizontale und Vertikale. Deshalb opfert man Exu an Kreuzungen.
Auch sind
das vielbefahrene Verkehrknoten, die Exu bevorzugt.
Leute, die in Brasilien aufwuchsen, erzählen von Kindheitserinnerungen,
in denen diese
geheimnisvollen, ein wenig gruseligen und verbotenen Opferstätten -
flackernde Kerzen oder ein
geschlachteter Hahn mitten auf einer Straßenkreuzung - eine große
Rolle spielen. Die Kinder trauten
sich nicht, genau hinzuschauen. Sie beobachteten, dass auch streunende Hunde
das Fleisch nicht
anrührten, sondern es knurrend umkreisten. Nach einigen Stunden war
alles auf rätselhafte Weise wie
ein Spuk verschwunden. Das Opfer war angenommen worden.
Mentalität des Exu
Heiter, gewitzt, elastisch, beweglich, offen, tritt als Katalysator auf,
vielseitig, kommunikativ,
vermittelnd, neutral, wendig, schlau, reiselustig, aber auch zerstreut, oberflächlich,
ohne Rückgrat,
knochenlos, bestechlich, sensationslüstern.
Modus:
Wertfreies Verhandeln und Vermitteln (Händler, Journalist), souveränes
Moderieren, kluge
Intellektualität, auch Bauernschläue und Opportunismus, Zweckdenken.
Höchstes Ziel:
Als Psychopompos, als Seelenführer leitet er sie durch gefährliches
Gebiet, erkennt sich aus. Als
bestechlicher Geist ist er offen für alle Einflüsse und kann so
die Menschen mit den Göttern und dem
Göttern zusammenbringen, denn sowohl Menschen als auch Götter haben
ihre Interessen, nur zeigen
sie sie nicht. Sie bedienen sich des Exu. Er vermittelt dadurch die höchsten
Einsichten, er leitet die
Bewusstseinsreisen und Seelenfahrten.
Größte Gefahr:
Zerstreuung, Charakterlosigkeit, Selbstverrat.
Zentrum der Aktivität:
Aus dem Intellekt heraus agieren und reagieren: Ironie, Zynismus, Skepsis,
Kritik;
Schöpferischer Selbstausdruck, Auseinandersetzung mit dem Anderen, Zweifel,
Zwietracht,
aber auch Diplomatie und Vermittlung;
aus dem 5. Chakra (Halschakra) bestimmt: sprachlicher Ausdruck, Kommunikation.
Energiegestalt des Exu:
Diese Energiegestalt steht am Anfang. Sie ist die Gestalt des Türstehers
und Wächters.
So listig und leidig sie auch sein mag, sie ist nie überflüssig.
Denn sie erst eröffnet den Zugang zum
Fühlen als bewussten Prozess der Verarbeitung von Eindrücken. Sie
bedient bei dieser ihrer Funktion
als Hüter der Schwellen bei seinem Pfortendienst der Übertreibung
und arbeitet mit den Mitteln der
Überreizung. Erst so gelingt es Exu, auf sich aufmerksam zu machen und
weist auf die möglichen
Wege hin, die jenseits der Schwelle und Pforte weiterführen. Welche
Wege das sind und wohin sie
führen, weiß er nicht und muss es auch nicht wissen. Seine Funktion
beläuft sich nur auf das
Anmachen und Aufmachen, verkleidet sich als Störung. Er bringt uns an
die Grenzen unserer
Belastbarkeit. Trotzdem oder gerade deshalb übermittelt er eine wichtige
Botschaft, nämlich: Hier ist
was los! Was es ist, wozu es ist, warum jetzt und wie lange, alles das sind
Fragen, die offen bleiben,
denn diese Energiegestalt bringt reine Bewegung ins Leben und kümmert
sich nicht um Form und
Ordnung. Hauptsache, es läuft mal wieder was und der Teufel ist los
auf Erden.
Zeichengestalt:
Um die entsprechende Zeichengestalt entstehen zu lassen, bedarf es, sich
in einen Zustand der
nervösen Erregtheit zu versetzen. Die Nerven sind gespannt, gereizt,
feuern an zur Reaktion. Die
Reaktion geht ins Leere, denn da ist keine Form, keine Grenze, keine Kontur,
keine Gestalt, auf die
zu reagieren ist. Alle Warnlampen im System beginnen zu blinken, und die
Hand mit dem Stift
zeichnet ein unentschlossenes Hin und Her der Striche. Es entsteht ein Zickzack
und spitze Winkel,
schräge und quere Linien, hinter denen sich verzerrte Muster der verlorenen
Ordnung andeuten.
„Bildstörung“: ein flimmerndes, zuckendes, zackiges Etwas, das ausfahrend
und ausfällig wird.
„Obszön“: etwas, was völlig daneben geht und in dieser Abartigkeit
genau den wunden Punkt trifft.
Ein flirrender Zustand, in dem alles möglich ist, Erregung, auf kein
Ziel gerichtet, elektrisierend,
unerträglich, weil das einzig Eindeutige die Zweideutigkeit ist. Alles
ist in Bewegung, in Aufruhr,
Verstörung, Verwirrung, und das einzige was gleich bleibt, ist das Gefühl
von Vorläufigkeit: ein
armer Teufel ist Exu, der immer den Anfang macht und nie zum Ende kommt.
Die vielen Gesichter des Exu:
JOKER TRICKSTER TEUFEL ADVOKATUS DIABOLUS ENFANT TERRIBLE
WIDERSACHER LÜGENGEIST STÖRENFRIED PROVOKATEUR
NARR EWIGER VERLIERER
Metaphern:
Es zu weit treiben, so dass es den anderen zu bunt wird. Es auf die Spitze
treiben, es darauf anlegen.
Es juckt einen, es reizt einen. Oder auch: Es kratzt einen nicht, wenn keine
Lust, kein Interesse
besteht. Wider den Stachel löcken. Einen Streit vom Zaune brechen. Sand
im Getriebe sein, ein
armer Teufel sein, Narrenfreiheit genießen.
Bewegung:
Sich suhlen, aalen, reiben, anecken, ausfahrend und ausfällig werden,
anpöbeln, anmachen, auf
Tuchfühlung gehen, auf die Nerven gehen.
Physiologie:
Nervig, nervend, aufreibend, läppisch, kichern, kann sich nicht in Zaum
halten, lockere Zunge, es
entfährt einem, einfach; ins Fettnäpfchen steigen, es juckt einen,
kribbelig werden: Der Teufel reitet
mich mal wieder. Ich merke es daran, dass mein Erregungspegel steigt, ohne
dass es irgendeine
Orientierung für mich gibt. Soviel Energieaufwand erscheint da sinnlos,
und Frustration packt mich.
Ich fühle mich nicht wohl in meiner Haut, kann aber auch nicht aus mir
selbst heraus. Ich fühle mich
in mir selbst gefangen. In mir sucht etwas nach einem Blitzableiter, der
die Spannung ableiten
könnte. Ich werde nervös, fahrig, ausfallend. Jetzt geschehen spontane,
unbewusste Handlungen wie
von selbst. Nachher wird es mir leid tun. Jetzt bin ich nur froh, den Schwarzen
Peter los geworden
zu sein.
Ressource:
KONTAKT DURCH KONFLIKT
Betroffenheit erzeugen durch Zwiespalt und Zweideutigkeit. Diese Art von
Betroffenheit kratzt nicht
mal kurz an der Oberfläche, sondern wirft den, den es trifft mitten
hinein. Wenn einmal Interesse
durch Irritation geweckt wurde, ist es nicht ein beliebiger Außenreiz,
der auch wieder im nächsten
Moment abgeschüttelt werden kann. Stattdessen befindet man sich unversehens
in der Mitte, ohne zu
wissen, wie man da wieder raus kommt. Es ist nämlich nicht eine Mitte
der Ruhe, sondern ein
Mittendrin im Getriebe und im Getriebensein. Das Wort Interesse deutet es
schon an: inter- esse
heißt: dazwischen sein. Also: zwischen den Stühlen sitzen. Im
Zwiespalt stecken. In der Zwickmühle,
es treibt uns umher. Dadurch kommt man in Bewegung. Was unverrückbar
als Wahrheit galt, gerät
in das Zwielicht des Zweifels. Das wirkt beunruhigend. Aber auch anregend.
Man Konflikte als
Ressource sehen, die in Bewegung bringt, und dadurch wieder einmal alles
aufmischt. Gerade wenn
man glaubt, es werde einem alles zuviel, kann man am besten durch Überflutung
die Kraft spüren, die
in der Unruhe gebunden ist, es ist ein unglaubliches Potential.
Verankerung im Körper:
Diese Energie geht unter die Haut und ist auf der Haut am besten zu spüren.
Die Haut ist das Organ,
in dem sich diese Energiegestalt manifestiert - meist als Jucken, Kribbeln,
Kitzeln, Kratzen und dem
ganz körperlichen Bedürfnis nach Reibung. Es ist das Bedürfnis,
an die Grenzen zu gehen, um die
Konturen besser zu spüren. Berührung in jeder Form kommt dem Wunsch
nach, sich selbst besser zu
spüren, oder überhaupt zu spüren. Sogar die aggressive Berührung
des Schlagens und
Geschlagenwerdens hat letztlich die Funktion, Kontakt herzustellen und Grenzen
zu überwinden.
Sexualität kann mit Taubus brechen, sie die Souveränität des
anderen, seine Unabhängigkeit und
Freiheit, seine Würde zu stören, sogar zerstören. Sexualität
kann auch eine Initiation sein, eine
Öffnung in neue Bewusstseinsdimensionen bewirken.
Verankerung im Alltag, Exu rät:
Erkennen Sie rechtzeitig, dass Sie mal wieder Kontakt brauchen. Bemerken
Sie die ersten Anzeichen
von Unruhe, von dem Bedürfnis auszuscheren, den Rahmen zu sprengen und
sich daneben zu
benehmen. Anerkennen Sie Sich dafür, so richtig frech, unverschämt
und schamlos sein zu können
und erinnern Sie Sich daran, wie gut es das letzte Mal tat, einen Volltreffer
zu landen. Erinnern Sie
Sich, wie prall und drall Sie Sich fühlen, und was das für ein
Lebensgefühl war. Und dann, nachdem
Sie diese Ihre Fähigkeit anerkannt und wertgeschätzt haben, können
Sie Sich überlegen, wenn "Es"
wieder einmal Sie überkommt, was es für andere Möglichkeiten,
was es für Alternativen gibt, die
Ihre soziale Verträglichkeit weniger gefährden als Aktionen, die
ein öffentliches Ärgernis darstellen.
Im Alltag kann eine solche Alternative sein, zum Beispiel sich öfter
zu kratzen oder kratzen, bzw. massieren zu lassen und eine Gymnastik entwerfen,
in der sie sich
ausgiebig am Boden suhlen und den Rücken gegen den Boden oder auch den
Widerstand der
Stuhllehne reiben. Bürsten Sie Sich am Morgen wach und streichen Sie
auch während des Tages
öfters Arme und Beine aus, kneten Sie, drücken und zwicken Sie,
räkeln Sie Sich häufiger in den
Pausen - Sie werden erstaunt sein, wie sehr das Sie erfrischt. Dabei erlauben
Sie Sich, unverschämte,
schamlose Gedanken zu denken. Entwerfen Sie schlagfertige Sätze, freche
Widerreden, bösartige
Streiche und genießen Sie die Wollust, die Ihnen Schadenfreude und
andere hässliche Gefühle
bereiten können. Und genießen Sie vor allem die Freiheit, nicht
alles, was Sie Sich ausdenken, auch
ausführen zu müssen, um sich zu beweisen. Und seien Sie froh, nicht
so ein armer Teufel zu sein, der
nicht anders kann.
Ausrichtung:
DER WEG DER STÖRUNG : verhaltensauffällig werden – wieder die Anpassung
Lieber mit Bösem oder Schlechtem auffallen, um die Allgemeinheit aufzustören
und zu verstören, als
überhaupt nicht in Erscheinung zu treten - das ist das Motto vieler
Menschen, die an die
Öffentlichkeit treten wollen. Die Tatsache, dass eine unangenehme Störung
besser im Bewusstsein
haftet als eine angenehme, d.h. angepasste, trägt dazu bei, dass Provokation
zur Strategie geworden
ist, und das Motto gilt: je ausfälliger und abartiger, je obszöner
und ausgefallener, desto besser. Nur
so kann die Reizüberflutung durch die Medien noch übertroffen werden
und sich noch ein weiterer
Reiz ins Bewusstsein als Spur eingraben. Das ist der Reiz der Störung.
Wer ständig den Drang hat zu stören oder wer leicht störbar
befindet sich, aktiv oder passiv, auf dem
Weg der Störung. Störung kann als wichtige Aktion oder Information
gesehen werden - durch
Störung agieren wir entweder unbewusst aus, was zu fehlen oder nicht
zu stimmen scheint, oder
nehmen wahr, dass etwas davon abhält, ganz bei der Sache zu sein. Störbarkeit
kann als die
Fähigkeit gesehen werden, aufmerksam zu werden und zu bleiben. Der ewige
Störenfried tut uns
einen Dienst, indem er darauf hinweist, wo Risse und Lücken sind. Ebenso
stachelt der Widersacher
dazu an, die Dinge nicht auf sich beruhen zu lassen, sondern in der Auseinandersetzung
weiter zu
gehen. So schafft er Kommunikation, wenngleich die Form des Kontaktes eher
Streit und Zwietracht
ist als Übereinstimmung und Kooperation. Es ist eine Fähigkeit,
das Fehlende und Unstimmige zu
spüren, und wir sollten diese Fähigkeit in uns anerkennen, sie
achten, ihr vielleicht sogar dankbar
sein, denn sie findet Wege, die Wahrheit an den Tag zu bringen, die wir in
unserem normalen
gesellschaftlichen Bewusstsein gegenseitiger Schonung nicht begehen würden.
So bedient sich diese
Fähigkeit wiederum der Situationen, in denen wir halb bewusst oder unbewusst
sind, und als bestes
Beispiel gilt hier der Zustand des Angetrunkenseins, der Hemmungen und Schranken
abbaut. Dann
kann sich die Wahrheit am besten ihren Weg bahnen und als Störung herauspoltern.
Wer auf solche
Lebensformen verzichten will, tut gut daran, in nüchternem Zustand die
Brille des Besoffenen
aufzusetzen und nachzuspüren, wo "es juckt" und welche Konsequenzen
es für mich hätte, diesen
Empfindungen nachzugehen. Ich kann mich dann immer noch entscheiden, nicht
die Störungen
auszuagieren oder mich von ihnen anfallen zu lassen.
Pole
unerlöst: in Widerstand gehen, aus dem Untergrund heraus das Gesamtsystem
sabottieren, den
Organismus schwächen, die Ordnung unterlaufen, die Gesetze außer
Kraft setzen, Verwirrung
schaffen, Verunsicherung stiften, Streit und Widerspruch hervorrufen, Konflikte
verschärfen und sie
ausnützen, intrigieren.
erlöst: Gewohnheitstrott unterbrechen, für Überraschung sorgen,
uralte und unbewusste, verdrängte
Konflikte aufs Tablett bringen, Aufruhr anschüren, Rebellion entfachen,
Blockade gegen Sinnloses
ausrufen und dadurch das überalterte Gesamtsystem in Frage stellen.
Tür und Tor für Neues öffnen,
gleichzeitig als Schwellenwächter prüfen, ob das Ichbewusstsein
schon stark genug ist, dem Neuen
sich zu stellen. Ist genug Energie, d.h. Lust und Motivation da, um sich
auf Veränderungen und
Neuordnungen einzulassen? Ist das Gesamtsystem genügend belebt, um den
Schritt in eine wilde,
noch ungeordnete Lebendigkeit zu tun?